Mittwoch, 22. September 2010

Big Deal

Der dritte Tag meines unfreiwilligen Urlaubs geht vorüber, und so langsam findet sich zwischen Tee, Zwieback und Magenkrampf zu viel Zeit zum Überlegen, und wie in meinem Falle sehr typisch, für Selbstkritik. Ich begab mich heut früh persönlich zu meiner Arbeitsstelle um mich abzumelden, mit der Gefahr, einen der kleinen Menschen mit meinem „was auch immer“ anzustecken. Nach bereits zwei in meiner Kollegschaft antipathiefördernden Tagen hielt ich es für taktisch klug, persönlich aufzutauchen, mein Bedauern zum Ausdruck zu bringen und vor der Chefin klarzustellen, dass es sich nicht wie erwartet um Arbeitsfaulheit oder multiple Bereitschaftsdefizite außerhalb der Reichweite meines Laptops handle.
Als ich dann vom Arzt aus nach Haus lief, zu Zwieback, Tee und der Fortsetzung meiner Magenkrampfreihe, überlegte ich, mit wie viel Leidenschaft ich diese Tätigkeit ausübe. Grenzt es nicht stark an Egoismus, die Gesundheit kleiner Kinder zu gefährden, nur um sich bei seiner Chefin nicht unbeliebt zu machen, wobei die Erfolgsquote hierbei die „0-8-15“ nicht überschreiten wird?
Wenn ich dieses Erlebnis auch noch auf mich projiziere, erscheint es untypisch, denn viel zu oft ließ ich mich schon aufgrund fast grenzenloser Selbstlosigkeit emotional okkupieren und wie eine Orange auspressen. Ich kam nicht drum herum mich zu fragen, wie viel Egoismus in scheinbar selbstlosen Akten steckt. Handelt es sich zum Beispiel darum, sich wochenlang dieselben nervenzerfetzenden und auslaugenden Selbstmitleidsarien unserer Freunde anzuhören, so dient dieses scheinbar erbrachte Opfer nur dem Aufrechterhalten der Freundschaft, dem Hoffen auf selbige Reaktion wenn es und schlecht geht und somit nur dem Selbstzweck und dem „Big Deal“ der menschlichen Interaktion: Leistung und Gegenleistung. Dies sind zwei Faktoren, die einander nicht ausschließen können und den Menschen somit, wenn auch ungewollt, in einem Kreis aus Reden und Zuhören hält.
Es gibt natürlich die waghalsige Behauptung ein reiner Gönner der Investition von Zeit und Geduld zu sein. Ja, ihr Egoisten dort draußen, es gibt tatsächlich Menschen, die aus reinem Mitgefühl handeln und auf dem Fundament reiner Liebe ein Haus aus vollgeschnupften Taschentüchern, 75% der Jahresproduktion Milchschokolade, dem Vollvokabular eines Tourettpatienten  und Stunden der zermürbenden und aufgesetzt-optimistischen Zusprüche aufbauen – und das alles ohne Gegenerwartung oder die Spur eines genervten Stirnrunzelns.
Außerdem bietet sich uns im Falle eigener Verletztheit genau in den Mauern dieses Hauses der Platz einiger Argumente zur Selbsthilfe. Die andere Hälfte jener Verweigerer der eben genannten Prozedur sind die Menschen, die sich aus allem raushalten und im Gegenzug auch nicht erwarten, dass ihren Problemen Gehör geschenkt wird. Einer meiner besten männlichen Freunde ist solch ein Typ Mensch. Er ist generell nicht gesprächig, hatte jedoch noch nie Grund, sich zu beschweren.
Sind nun diese „Zuhör-und-Krieg-Dienst-Verweigerer“ die wahren Selbstlosen? Oder werden wir alle, auch die passiv-Egoisten, in diesen Strudel hineingezogen und sind Anteilhaber an diesem Teufelskreis? Seien wir ehrlich, an jedem großen Geschäft sind wir alle beteiligt und auch wenn wir es uns nicht eingestehen, wollen wir teilhaben. Denn Investition führt zu Produktivität und wer genießt es nicht, diese auch mal in Anspruch nehmen zu können?


Montag, 20. September 2010

Kämpfen und kämpfen lassen

Verdammt. Das gilt übrigens nicht nur dem Montag, nein, sondern dem Fakt, dass ich jetzt innerhalb von 3 Wochen schon den 2.Tag innerhalb meiner Arbeitszeit krank bin und dass ich nicht die Kraft habe, neben der anstrengenden Beschäftigung auch noch um die Gunst meiner Mitarbeiterinnen und Chefin zu kämpfen. Ich weiß, im Kindergarten tummeln sich derartig viele Keime, dass man anfangs immer mit einer beliebigen Kinderkrankheit zu kämpfen hat und außerdem sollte man aufgrund einer Krankheit, und diese ist zu 100% unfreiwillig, und deren Konsequenz des Nichterscheinens am Arbeitsplatz nicht in seiner Arbeitsbereitschaft und –qualität degradiert werden.
Warum sollte ich überhaupt darum kämpfen? Trotz FSJ bin ich doch vollwertiges Arbeitsmitglied, oder nicht? Auch wenn ich aus staatlicher Sicht nicht die nötige Fachkompetenz aufweise, so erledige ich doch nichts anderes als die dort ausgebildeten Fachkräfte. Warum also kämpfen müssen, wenn man gleichwertiger Mitarbeiter ist?
Ich komme nicht umher, Parallelen zu ziehen. Warum muss man um die besten Freunde kämpfen, warum muss man sich immer der Liebe beweisen? Nur, weil wir so gern die Unnahbaren spielen? Wobei, wenn  man bedenkt, spalten sich hier die „Lebenstaktiken“ – in „leicht zu haben“ und „schwer zu haben“. Eine meiner besten Freundinnen lebt ganz unter der Erstgenannten, auf den ersten Blick zumindest. Sie scheint der sprichwörtliche „Leicht zu haben, schwer zu halten“-Typ zu sein. Genauer betrachtet ist sie eigentlich garnicht zu haben. Doch trotz Allem braucht sie es, wie wir alle – um sie soll gekämpft werden, um mich soll gekämpft werden - scheiße – um wen nicht?
Doch in jedem Fall, ob leicht zu haben oder nicht, erfordert Sympathie und Loyalität immer den Kampf, die Beweise und die viel zu seltene Selbstaufopferung. Doch lohnt sich das alles? Wenn wir dann haben was wir wollen, und es genossen haben, werden wir es dann nicht immer, mehr oder weniger freiwillig, wieder los?
Lohnt sich das kämpfen und kämpfen lassen?
Während ich nun erneut mit einer kinder-ausgelösten Krankheit kämpfe, wohl wissend, mich bei der nächstbesten Gelegenheit erneut zu infizieren, sitzen viele von uns zu Hause und überlegen. Fragensteller, hilfsbedürftige Hilfespender, das zweibeinige Paradoxon unserer Zeit. Sender und Empfänger, geben und nehmen, und das alles in der Ungewissheit ob das Eine und das Andere jemals ein akzeptables Ergebnis hervorbringt.

Donnerstag, 16. September 2010

HassLiebeAngstEgo

Was ist das Schlimmste an der Einsamkeit? Der bloße Fakt, zu wissen, dass man abends allein einschläft und am nächsten Morgen allein frühstückt? Oder ist es die Angst davor, sich tatsächlich mit sich selbst beschäftigen zu müssen?
Meine Angst ist mit der Zeit in sich selbst zusammengefallen, mein sorgenbelastetes Kartenhaus. Zuerst brachen die untersten Karten weg; Motivation, Elan und die drei roten Karten die das menschliche Ego ausmachen. Doch noch faszinierender als der eigene soziale und emotionale Zerfall ist das Beobachten der Menschen, die mir nahe stehen. Nicht nur auf meinen Karten stehen Abschiedsgrüße, sondern auch um mich herum fällt alles in sich zusammen – was tragischer Weise nicht heißt, dass sich alle Probleme von allein klären. Sei es jemand, dessen Kartenhaus unter der Last der eigenen Beziehung zusammenbricht, oder jemand dessen Mauern solche Lücken bekommen haben, dass ihm alles hindurch schlüpft, ohne dass er selbst bemerkt, was er verpasst.
Wieviel Selbstkritik kann sich ein einzelner Mensch zusprechen und, vor Allem, eingestehen?
Bemerken wir gravierende eigene Fehler, wie z.B. einem fremden Menschen zu viel erzählt zu haben oder an einem verlorenen Menschen zu sehr festzuhalten? Und wenn wir es bemerken, sind wir dann bereit, es als unsere Flagge zu hissen oder halten wir es hinter den Mauern unserer Kartenhäuser, verstecken unsere eigenen Zugeständnisse hinter unseren Ängsten und schließen alle Türen ab?

Vom Verschießen eigener Türen nimmt auch die Umwelt Notiz. Eigene Ablehnung und eingemauerte Verleugnung wirken auch auf außenstehende Menschen so erschreckend wie auf uns, mit dem Unterschied dass wir uns ohnehin um uns herumhaben, und andere mit unserem Egoismus vertreiben. Erst heute laß Ich in einer Tussenzeitung von einer Umfrage, laut welcher Selbstliebe absolut aphrodisierend wirken soll.  Selbstbewusstsein, ok, gut. Aber wie erkennen wir die Grenze zum neuen Egoismus?
Wie findet man die schmale Mauer zwischen „Selbsthassegoismus“ und „Selbstliebegoismus“ und wie lernt man, auf ihr zu balancieren?
Lässt sich denn Angst als Egoismus bezeichnen, ist die Beschäftigung mit sich aufgrund zu verarbeitender Ängste egoistisch? Es ist nicht einfach, beim Festhalten der unteren Karten zu verhindern dass das Haus zusammenstürzt und gleichzeitig dem eigenen Umfeld gerecht werden und auch dieses vom Zusammenstürzen abzuhalten.
Und beim Ausfechten dieser Kämpfe soll man es noch schaffen, neue Kontakte zu knüpfen, und muss dabei über den eigenen Schatten springen, sich aber von dem Licht fernhalten welches genau diesen vor unserem Ego riesig erscheinen lässt. Von der Selbstvergottung zu den Göttern unseres Alltages – vom Regen in die Traufe, ganz logisch.
Ich werde für heute unter meinen letzten Karten Schutz vor dem großen Regen suchen. Morgen ist ja auch noch ein Tag.