Was ist das Schlimmste an der Einsamkeit? Der bloße Fakt, zu wissen, dass man abends allein einschläft und am nächsten Morgen allein frühstückt? Oder ist es die Angst davor, sich tatsächlich mit sich selbst beschäftigen zu müssen?
Meine Angst ist mit der Zeit in sich selbst zusammengefallen, mein sorgenbelastetes Kartenhaus. Zuerst brachen die untersten Karten weg; Motivation, Elan und die drei roten Karten die das menschliche Ego ausmachen. Doch noch faszinierender als der eigene soziale und emotionale Zerfall ist das Beobachten der Menschen, die mir nahe stehen. Nicht nur auf meinen Karten stehen Abschiedsgrüße, sondern auch um mich herum fällt alles in sich zusammen – was tragischer Weise nicht heißt, dass sich alle Probleme von allein klären. Sei es jemand, dessen Kartenhaus unter der Last der eigenen Beziehung zusammenbricht, oder jemand dessen Mauern solche Lücken bekommen haben, dass ihm alles hindurch schlüpft, ohne dass er selbst bemerkt, was er verpasst.
Wieviel Selbstkritik kann sich ein einzelner Mensch zusprechen und, vor Allem, eingestehen?
Bemerken wir gravierende eigene Fehler, wie z.B. einem fremden Menschen zu viel erzählt zu haben oder an einem verlorenen Menschen zu sehr festzuhalten? Und wenn wir es bemerken, sind wir dann bereit, es als unsere Flagge zu hissen oder halten wir es hinter den Mauern unserer Kartenhäuser, verstecken unsere eigenen Zugeständnisse hinter unseren Ängsten und schließen alle Türen ab?
Vom Verschießen eigener Türen nimmt auch die Umwelt Notiz. Eigene Ablehnung und eingemauerte Verleugnung wirken auch auf außenstehende Menschen so erschreckend wie auf uns, mit dem Unterschied dass wir uns ohnehin um uns herumhaben, und andere mit unserem Egoismus vertreiben. Erst heute laß Ich in einer Tussenzeitung von einer Umfrage, laut welcher Selbstliebe absolut aphrodisierend wirken soll. Selbstbewusstsein, ok, gut. Aber wie erkennen wir die Grenze zum neuen Egoismus?
Wie findet man die schmale Mauer zwischen „Selbsthassegoismus“ und „Selbstliebegoismus“ und wie lernt man, auf ihr zu balancieren?
Lässt sich denn Angst als Egoismus bezeichnen, ist die Beschäftigung mit sich aufgrund zu verarbeitender Ängste egoistisch? Es ist nicht einfach, beim Festhalten der unteren Karten zu verhindern dass das Haus zusammenstürzt und gleichzeitig dem eigenen Umfeld gerecht werden und auch dieses vom Zusammenstürzen abzuhalten.
Und beim Ausfechten dieser Kämpfe soll man es noch schaffen, neue Kontakte zu knüpfen, und muss dabei über den eigenen Schatten springen, sich aber von dem Licht fernhalten welches genau diesen vor unserem Ego riesig erscheinen lässt. Von der Selbstvergottung zu den Göttern unseres Alltages – vom Regen in die Traufe, ganz logisch.
Ich werde für heute unter meinen letzten Karten Schutz vor dem großen Regen suchen. Morgen ist ja auch noch ein Tag.
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