Mittwoch, 29. Dezember 2010

Reizvoll

Und nun schon der gefühlt hundertste Abend, der mich in die frühen Morgenstunden peitscht. Die vergangenen Tage endeten nie vor vier Uhr des Folgetages und so langsam hat sich meine innere Uhr au diese neue, meine Winterzeit, eingestellt. Auffällig ist hieran, dass ich dies nur wochenlang beibehalten kann, wenn die Abende mir verschiedene Gesellschaft oder Umgebung bieten. Meine Müdigkeit lässt es einfach nicht zu, sich zwei Abende von denselben Leuten, Orten und sogar Gesprächen fern zu halten. Das zeitliche Durchhaltevermögen stützt sich also auf verschiedene Reize, sei es durch Mensch, Musik oder Lokalität.
Wenn es die Entscheidungen sind, die den Weg des Lebens vom Schnee der Monotonie frei schieben, sind empfangene Reize die Auslöser für diese. Jene gibt es natürlich in verschiedensten Ausführungen; da wären da natürlich die bekannten körperliche Reize, doch viel umfassender sind emotionale Reize, welche nicht nur Hass und Liebe einschließen, sondern alle Arten positiver und negativer Empfindungen. Sei es durch das Vermitteln von Ruhe und Sorglosigkeit, einfach durch ein gutes Gespräch oder schlicht und einfach durch die Toleranz zeitweiliger geistiger Leere.
Wir brauchen Reize um etwas oder jemanden interessant zu finden – eine Besonderheit, eine Auffälligkeit. Doch manchmal ist es sogar von großem Nutzen, wenn gewisse Dinge sich gar nicht bemerkbar machen und jeder Reiz ausbleibt. Dann wird uns Zeit gelassen, andere Empfindungen oder etwas dass sich so anfühlt, zu analysieren und zu vergessen. Diese Nichtreize dienen indem Fall nur als Resonanzkörper emotionaler Aufarbeitung.
In suboptimalen Fällen empfangen wir Reize, die nicht einmal vorhanden sind. Die Frage die sich dabei stellt ist nur, wenn sie nicht vorhanden sind, woher kommen die dann? Und wenn sie nicht vorhanden sind, wie kann man sie dann empfinden und empfangen? Sind sie Spiegelbilder vergangener Reize oder sind sie selbst erschaffene Demotivatoren, mit denen uns das Universum, oder wer auch immer den Fluss der Reize kontrolliert, irgend etwas sagen will?
Was es auch sei, es kann dazu führen dass man gar nichts mehr wahrnimmt. In einem alten Kinderbuch wurden Reize durch eine Krabbe erklärt, die einen Menschen in den Fuß zwickt. Darauf folgte die Erklärung des Nervensystems und allem, was dazu gehört. Doch was ist nun, wenn der Krebs so oft an der selben Stelle zwickt, dass die Nervenbahnen verstopfen oder gar einen Bummelstreik veranstalten? Merken wir den Schmerz erst wenn die Chance, das lästige Vieh beiseite zu treten, schon lachend an uns vorbei gezogen ist oder bleibt der Reiztunnel undurchdringbar, bis der Eine, der Herausragende versucht hindurch zu kommen und alle alten Empfindungskadaver beiseite kehrt? Oder stumpft man durch die ständigen Pseudoreize immer mehr ab, bis man letztendlich unempfänglich für die solchen wird?
Doch wenn diese Sensibilität, dieses Gespür für die entscheidungsschwangeren Empfindungen verlorengeht, wie treffen wir dann Entscheidungen?
Ebenso unstetig ist das Versenden verschiedener Reize. Manchmal lenken wir das Schiff mit fehlinterpretierten Zeichen direkt auf den Wasserfall zu. Oder wir haben das Pech,das gezielt gesetzte Reize an der aufmerksamkeitsverschlingenden Schale eines Reiztunnelverstopfungssyndrompatienten abprallen. In vielen Fällen merken wir das aber doch nicht, und schieben die ganze Masse nur näher an die Grenzen der Ignoranz.
Und so wie wir zu viel reizen und zu wenig Reiz bemerken schließt sich der Kreis. Natürlich sind da noch die Fälle, die richtig interpretieren und versenden. Diese Menschen werden und reagieren jedoch dann öfter gereizt als die Logik es zulassen müsste.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Ein Muskelpaket der Kraftausdrücke

In einer Situation, in der die Schamgrenze den Rahmen um das Bild des eigenen Ichs zieht, läuft man schnell Gefahr, die eigenen Abgründe zu verurteilen und sogar davor zu erröten. Man bedeckt den Mund, um zu verschweigen, man hält die Augen offen, um dem zu entgehen, was sich auf den Augenlidern abspielt und man steckt die Hände in die Taschen um fast an der selbst erstellten Schutzmoral kleben zu bleiben.
Die eigenen Moralvorstellungen beherrschen die Sprachkultur. Anstatt Leichen vermutet man Perversionen in den Kellern unserer mit moralisch sparsam betriebenen Lampen beleuchteten Häuser.
Doch die gedanklichen Grenzen bestimmen nicht immer die Mauern der Sprache, der Kopf sagt oft ja und man selbst nein, umgedreht natürlich dasselbe. Man dürfte meinen, gegenüber bekannten Menschen und somit Moraltempeln, deren Archtiketur man kennt, sei es einfacher, hinter der Mauer der oftmals unbequemen Wahrheit zu bleiben, doch manchmal entgeht man genau diesen unangenehmen Momenten, indem man alles preisgibt.
Bei moralischem Neuland kann dies den Fortgang der zukünftigen Beziehung sichern oder aber auch blitzschnell Türen verschließen, die schon offener standen als die eigene Herzlichkeit war.
Nun ist das Ergebnis vollkommener mentaler und verbaler Entblößung entweder geweckte Interesse oder jedoch Abschreckung.
Das Problem ist, dass der Weg zur vollkommenen Offenheit nunmal eine Einbahnstraße ist, die nicht nur Platz für emotionale Unfälle gibt, sondern dazu führen kann, dass man den Gürtel enger zieht, den Knopf wieder zumacht und ein großes Märchenschloß vor die Artikulation hängt - jene Märchen, die wir uns selbst erzählen ("Darüber darf ich jetzt nicht lachen", "Das kann ich nicht so hart sagen" "Sag jetzt ´lieben` und nicht ´ficken`") um eben besser schlafen zu können. Und schon dreht man sich um die eigene Achse und erzeugt einen Orkan, der die eigene Kommunikationsfreude hinwegfegt.
Manchmal wird man mit der harten Realität einer verschreckten Ignoranz konfrontiert oder aber man erzeugt ein solches Entzücken, dass sogar der miese Sonntagabend nicht ereignis-, und damit meine ich konversationslos,bleibt.
Die große Frage ist, zu welchem Zeitpunkt sich die eigene Kopfzensur einschalten sollte, das "Anti-Wir", "Anti-Scheiße" oder sogar "Anti-Ich" Programm. Sollte man den Rückwärtsgang in Sachen Verbalisierung einlegen, wenn sogar die alles gewohnte beste Freundin erschrocken ist, oder schon vorher? Oder man tut es gar nicht und steht dann, auf die Gefahr hin, allein zu bleiben, im scheiß verfickten Schnee.

Montag, 13. Dezember 2010

Prinzipschnee

Der Winter integriert sich mehr und mehr in unseren Alltag. Das Nölen über die Scheißkälte lohnt kaum noch, die Tretminen im Treppenhaus bestehend aus geschmolzenem Schnee und Schlamm fließen nur allzu schnell in den Fluss der ewigen Pößnecker Routine, die dicken Jacken, kratzigen Winterstrümpfe und pseudoselbstgestrickten Mützen, Schals und Pullis von Mama schnüren das ohnehin gekränkte Kleinstadtgemüt ein, hinzu kommen diverse blinkende Bäume, Weihnachtsmänner und Ketten. Dies in Kombination mit der üblichen provokant-penetranten Pößnecker Durchschnittsjugend lässt das Herz nur aus Rage höher schlagen, und während der Wutpuls Höchstwerte erreicht, sinken Motivation und sogar die Lust auf den klebrig-bitteren Glühwein im Stadtzentrum dieser gehasstliebten Stadt.
Doch wie bei jedem anstehenden Wandel fällt mir auf, wie schnell doch alles zur Gewohnheit werden kann. Selbst das schnöde Dahinkriechen zum Wochenende durch Schneematsch und Kindergeschrei wird zur Gewohnheit. Es ist normal, zur Arbeit zu gehn aber es ist genauso normal sie zu hassen. Die Grundmotivation aller mir bekannten Menschen sind die Wochenenderlebnisse, das Leben außerhalb des Existierens. Exzessiv wie impulsiv, schnell, laut. Selbst außerhalb des stressigen Alltags hetzen wir, denn die verbleibende Zeit bis zum wöchentlichen internationalen Hasstag "Montag" vergeht schneller als eine einzige notwendiger Weise gebrachte Überstunde. Es ist interessant zu beobachten, wie das von Statten geht. Manche arbeiten (Wochenende für Wochenende!) vergessene zwischenmenschliche Konflikte auf, andere testen die unbekannten oder ignorierten Grenzen der eigenen Belastabarkeit aus, wieder andere feiern durch und sehnen sich nach Ruhe, oder man ruht sich von der Woche aus - der Körper liegt, der Kopf will tanzen. Ich für meinen Teil schätze am Wochenende die Gesellschaft sympathischer Menschen, kreativer Menschen, und aller anderen die mir Denkanstöße geben oder mir die Unlust auf solche diskussionslos verzeihen. Das mag sehr simpel klingen, doch spannender als, wie ich es nenne, "Prinzipfeiern", ist es, neue Menschen kennzulernen oder jene wieder kennen zu lernen, die man verloren glaubte. Wenn dabei die ein oder andere Party rum kommt, kein Problem. Prinzipfeiern im Übrigen betreibt der Großteil der mir Bekannten; es ist ein routinierter Wochenendzeitvertreib, feiern gehen, egal was kommt. Dieses beunruhigende Phänomen, welches meistens  mit Übermüdung und Pseudooptimismus oder sogar in Verzweiflung getränkter Motivation einhergeht, entwickelt sich meistens bei Menschen mit enormen Aufmerksamkeitsdefiziten, Menschen die einfach garnichts mehr mit sich anzufangen wissen, deren gesamtes Weltbild unter der Last der "Mit-sich-selbst-Auseinandersetzung" zusammenzubrechen droht. Das bringt zwar einige interessante Erfahrungen mit sich, doch was ist denn nun besser: Gesunde Selbstwahrnehumng oder krankhafte Erfahrungssucht? Eigentlich egal, beide Optionen lassen keinen Platz für Einsamkeit, denn die Auseinandersetzung hiermit ist in beiden Fällen unausweichlich sowie unausstehlich.
Denn letztendlich kommt immer der große Moment, egal ob man aus dem Club heimkehrt oder aus der Wohnung der Denkanstößer, in dem man allein zu Hause auf der Bettkante hockt von der man einiges, im Rückblick betrachtet, hätte stoßen sollen, und denkt über sich nach.
Und selbst der Ausnahmezustand einer klaren Realitätswahrnehmung kann zur Gewohnheit werden - egal ob man ihn wahrnimmt oder vor sich herschiebt. Wenn ich dann wieder entscheide, etwas zu ändern, sehe ich aus dem Fenster - und es schneit. Immer wieder.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Grenzen sind Grauzonen

Gleichgültigkeit ist der Todesstoß für jede Verbindung. Sobald Glück und Frust des Gegenübers vom Selbstschutz verschluckt werden, ist kein Platz mehr für Interaktion, ohne Interesse am Anderen lohnt sich kein Gespräch.
Zuviel Interesse hingegen lässt unsere Mauern brechen, macht man sich zu viele Sorgen ums Gegenüber hat man es zu gern, und die zu empfangenden Nachrichten und Neuigkeiten können von uns nicht mehr objektiv bewertet werden. Ab welchem Punkt muss man den Strich ziehen, wo muss man das Auffangnetz spannen für den Fall eines emotional distanzierten Absprungs aus einer erneut aussichtslosen Lage in der man riskiert verletzt zu werden? Der individuelle Umgang mit solchen Situationen bestimmt das Vorankommen im Miteinander mit dem Umfeld und mit sich selbst. Dinge, Erfahrung, die Antworten auf einfachste Fragen, die uns vor einem halben Jahr noch komplett zurückgeworfen hätten und unsere Hoffnungen mit frustgeladenem TNT gesprengt hätten bewegen uns mittlerweile nur noch zu einem „Schade“ und lassen uns den Alltag unverändert fortführen. Andere Dinge, die uns vor längerer Zeit als angenehm und erstrebenswert erschienen fallen nun zur Last und lassen die eigenen Grenzen besser erkennen, eben jene Grenzen die wir ziehen lernen müssen um uns weder verwundbar noch ignorant werden lassen. Wir dürfen nicht zu viele Schritte nach vorn wagen, wenn etwas interessant scheint, man sollte die Nase nicht zu tief  in scheinbar leere Gefäße halten, denn man läuft Gefahr, dass zu sehen was wirklich darin steckt.  Dies ist außerdem ein wertvoller Grundsatz bei der Selbstanalyse.
Wie kriegt man die Kurve, wie schafft man es, das gesunde Maß an Zuneigung zu empfinden, die Art Zuneigung, die Eifersucht aus- und Mitgefühl einschließt?
Und anders herum: Wie schafft man es, dieses Maß zu vermitteln ohne dass das Gegenüber flüchtet oder zu nah kommt?
In der Mitte eines ignorant-selbstverliebten  Kollektivs ist es nicht einfach das Mittelmaß zwischen Stein und Wachs zu finden, zwischen Hure und Heiliger, zwischen Fisch und Fleisch.
In dem Prozess in dem man anerkannte Emotionen ablegen lernen will um den Zustand zufriedener Ausgeglichenheit zu erlangen stolpert man über das riesige gesellschaftliche Hindernis, den Schuss der die Ziele zerfetzt, den Schnitt der die Konsequenz unkenntlich macht – den Rest. Die Optimisten, die sich wie Pollen über die gesamte Menschheit streuen, tausende kleine Idioten in Windeln die mit Pfeil und Bogen herum zu fuchteln versuchen und damit nur Chaos und Unruhe stiften.
Was geht in diesen Menschen vor, woher kommt die Vorstellung einer verzerrten Realität einer Welt voller hoffnungslos friedlicher Emotionssüchtiger? Eine solch utopische Vorstellung erklärt sich nicht mal durch das Wort Selbstschutz sondern ist die deutlichste und direkteste Art der Ignoranz die in den  Köpfen zahlreicher unglücklicher, hoffnungsvoller Menschen ausgebrütet wird.
Man scheint ein Areal im Garten der hormonellen Erzeugnisse vergessen zu haben: Die Grauzonen! An sieht nur noch schwarz und weiß, nein viel besser, es existieren nur noch diese Nichtfarben. Arm und reich, Nichts und Alles, Gebender und Nehmender, einsam und glücklich. Man lenkt uns seit ewigen Zeiten in die Wege, die das gleiche Ziel haben und während wir dagegen ankämpfen vergiftet man uns mit der Idee diese Ziele machten uns glücklich, seien erstrebenswert und ausnahms- und kompromisslos korrekt.