In einer Situation, in der die Schamgrenze den Rahmen um das Bild des eigenen Ichs zieht, läuft man schnell Gefahr, die eigenen Abgründe zu verurteilen und sogar davor zu erröten. Man bedeckt den Mund, um zu verschweigen, man hält die Augen offen, um dem zu entgehen, was sich auf den Augenlidern abspielt und man steckt die Hände in die Taschen um fast an der selbst erstellten Schutzmoral kleben zu bleiben.
Die eigenen Moralvorstellungen beherrschen die Sprachkultur. Anstatt Leichen vermutet man Perversionen in den Kellern unserer mit moralisch sparsam betriebenen Lampen beleuchteten Häuser.
Doch die gedanklichen Grenzen bestimmen nicht immer die Mauern der Sprache, der Kopf sagt oft ja und man selbst nein, umgedreht natürlich dasselbe. Man dürfte meinen, gegenüber bekannten Menschen und somit Moraltempeln, deren Archtiketur man kennt, sei es einfacher, hinter der Mauer der oftmals unbequemen Wahrheit zu bleiben, doch manchmal entgeht man genau diesen unangenehmen Momenten, indem man alles preisgibt.
Bei moralischem Neuland kann dies den Fortgang der zukünftigen Beziehung sichern oder aber auch blitzschnell Türen verschließen, die schon offener standen als die eigene Herzlichkeit war.
Nun ist das Ergebnis vollkommener mentaler und verbaler Entblößung entweder geweckte Interesse oder jedoch Abschreckung.
Das Problem ist, dass der Weg zur vollkommenen Offenheit nunmal eine Einbahnstraße ist, die nicht nur Platz für emotionale Unfälle gibt, sondern dazu führen kann, dass man den Gürtel enger zieht, den Knopf wieder zumacht und ein großes Märchenschloß vor die Artikulation hängt - jene Märchen, die wir uns selbst erzählen ("Darüber darf ich jetzt nicht lachen", "Das kann ich nicht so hart sagen" "Sag jetzt ´lieben` und nicht ´ficken`") um eben besser schlafen zu können. Und schon dreht man sich um die eigene Achse und erzeugt einen Orkan, der die eigene Kommunikationsfreude hinwegfegt.
Manchmal wird man mit der harten Realität einer verschreckten Ignoranz konfrontiert oder aber man erzeugt ein solches Entzücken, dass sogar der miese Sonntagabend nicht ereignis-, und damit meine ich konversationslos,bleibt.
Die große Frage ist, zu welchem Zeitpunkt sich die eigene Kopfzensur einschalten sollte, das "Anti-Wir", "Anti-Scheiße" oder sogar "Anti-Ich" Programm. Sollte man den Rückwärtsgang in Sachen Verbalisierung einlegen, wenn sogar die alles gewohnte beste Freundin erschrocken ist, oder schon vorher? Oder man tut es gar nicht und steht dann, auf die Gefahr hin, allein zu bleiben, im scheiß verfickten Schnee.
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
AntwortenLöschenDu hast recht, verdammt guter Text.Näheres dazu direkt...
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