Montag, 29. November 2010

Underfaked and overblessed?

Ich frage mich manchmal, wie viel Urinstinkt den Menschen wirklich treibt. Diese Frage ist hier nicht zwingend evolutionsbiologisch zu betrachten, ich spiele auf den Verlauf verschiedener Leben, die durch dieselben, individuell getroffenen Entscheidungen jedoch anders enden, mal mit „Wenn sie nicht gestorben sind….“, „Als sie fast gestorben sind….“ oder dann doch „Als ich an ihrem Grab stand….“.
Ich las neulich irgendwo, dass 98% aller Entscheidungen eines Menschen auf dem Sexualtrieb basieren. Finde ich persönlich sehr glaubhaft, denn meistens dreht es sich doch immer um Macht; um Geld und damit Macht, um Recht und damit Macht, um Fressen und gefressen werden, daraus resultierende Stärke und somit Macht, um Gewinn, um Spaß, um Macht eben und damit ebenso um Sex. Urinstinkte sind animalisch, und auch wenn der Mensch nun ein mehr oder minder zivilisiertes Tier ist, gibt es den feinen Schnitt zwischen animalisch und menschlich. Ließe sich nicht hieraus ableiten, dass nur 2% des Menschen menschlich sind, so wie nur 2% eines Orangensaftes Fruchtsaft aus Fruchtsaftkonzentrat enthält? Sind wir praktisch nur fake?
Dabei ist die Menschlichkeit an sich Thema so vieler Entschuldigungen, Begründung so vieler Fehler und aus Sicht des Menschen der eigentliche Auslöser für den Willen nach Macht, was uns zum Thema Urinstinkt zurückführt. Sind wir nun menschlich oder animalisch?
Kann es nicht sein, dass diese Menschlichkeit nur eine Lüge ist, etwas wie der geringe  Prozentsatz an Gegenstimmen einer manipulierten Wahl?! Ist diese „menschliche Seite am Menschen“ nur die Rechtfertigung, die Entschuldigung für die animalische Kreatur die der Mensch eigentlich darstellt? Die Menschlichkeit ist so gesehen nur der moralische Rockzipfel an dem sich das Kind festhält, das Kind als Resultat einer verwerflichen Gesellschaft?
So kann man den ständigen Meinungswechsel mit Mensch oder Tier begründen, so kann man tiefen Hass oder devote Liebe menschlich oder animalisch nennen, oder noch besser, menschlich und „abnormal“. Während wir zwischen Fakten und Feststellungen hin und her taumeln ist nicht mehr zu sagen, ob wir nun auf dem Weg des Menschen zum Tierischen abweichen oder ob das Tier versucht sich in die normengeformte Schablone des Menschen zu drücken.
Im (bedeutenden) Film „Matrix“ sprach ein kleiner Mann den Satz „Wer seine Treibe verleugnet, verleugnet das, was ihn zum Menschen macht“. Also macht uns das typisch unmenschliche menschlich?
In diesem Tohuwabohu pseudointellektueller Fragen und Behauptungen steckt für mich nur die Frage danach, ob die hochgepriesene, die rettende, die allseits angestrebte und zu oft imitierte Individualität denn nun existiert und ob diese davon abhängig ist, wie viel Mensch und wie viel Tier uns beherrscht. Oder sind wir alle der gleiche geschüttelte, nicht gerührte Cocktail aus Verständnis und Egomanie, ein identisches Puzzleteil im Bild des Universums und ist das auch der Grund dafür, dass wir einfach nicht zusammenpassen, egal welche Variation der scheinbaren Kompatibilität ausprobiert wird, öfter noch als sie verflucht wird?

Donnerstag, 18. November 2010

Anti und auch sowieso

Wenn man sich überfrisst, hat man zwar das erfüllte Maß erreicht, das zur Sättigung genügen sollte, aber dieses angenehme Gefühl satt zu sein, tritt niemals ein. Mit Reizen ist es dasselbe. Eine Reizüberflutung erfüllt das gewünschte oder viel besser notwendige Maß an input, doch irgendwann erreicht man absolute Taubheit, eine Art Resistenz. Eine gewisse emotionale, Informations- und sogar Krankheitsresistenz sind im gesunden Bereich, doch ab irgendeinem Punkt ist der Tunnel durch den alle Reize fließen einfach verstopft. Leider interessiert das keinen, sodass von hinten gedrückt wird obwohl vorne schon kein Platz mehr ist. Das ist antiproduktiv, zumindest aus der Perspektive eines offiziell unproduktiven Menschen. Doch diese Antihaltung zur Antigesinnung führen erst die alltäglich Antis. Nach einiger Zeit tritt dann durch das Quetschen und Schieben, dieser Zustand des „sich überfressen habens“, ein. Wir überfressen uns an den ganzen Antis; erst Antiglücklich, dann Antidepressiva, erst Antifreunde, dann Antifeinde, erst  Antifrieden, erst Antimeinung, erst Antigesellschaft, dann Antisystem. Und es ist schon unglaublich wie es sein kann, dass so viele in die gleiche Richtung rennen und doch alle durcheinander, und der, der von außen draufschaut und sagt „alles ist gut“ auch noch Gehör findet.
Das fängt doch schon im Alltag an; „Fakten“ sind: Feste Arbeit, ausreichendes Einkommen, Mama und Papa, Freundeskreis, Verständnis, Montag, Arbeit, Freitag, Wochenende. Alles ok. Alle Reize fließen von A nach B, machen Platz für Neue. Richtig? Falsch! Fakten sind: Genervt von der Arbeit, ausreichendes Einkommen für die Bewegung innerhalb der beschissenen Stadtgrenzen, ok Mama und Papa, Bekanntenkreis, Scheinverständnis – Fehlverständnis – Missverständnis - Unverständnis bishin zur Ignoranz, Montag, Tabletten, Freitag, Tiefschlaf, Taubheit, Tabletten, Desintresse, Antistimmung, Kritik, Streit, Hass.
Schon ist der Tunnel verstopft. Nicht nur das verursacht eine genervte und gereizte Grundstimmung, nicht nur das führt zu Rage. Da wären ja noch das Fernsehen, die „wirklichen“ Freunde, die aber „ab jetzt wirklich da sein wollen“, diverse politische Themen  die in Rage und Rausch treiben und ständig wiederkehrende Erkältungen, Krämpfe, Schmerzen, Überfluss eben. Und nicht nur dass man zugepumpt und ausgenommen wird, nein, man ist sogar enttäuscht wenn die gestellten Erwartungen nicht erfüllt werden können.

Sonntag, 14. November 2010

Statue without Liberty

„Freiheit Baby, ist sich niemals entschuldigen zu müssen!“, so sagte es schon Al Pacino in „The Devil´s Advocat“ (grandioser Film!). Strebt nicht jeder nach Freiheit, wenn er sich am noch viel zu frühen Morgen aus dem Bett schleift und sich zur Arbeit begibt? Wollen wir nicht alle ein Stück Freiheit wenn wir den Mund halten um einen Menschen nicht verletzen zu müssen? Ist das Gefühl beim Hineinsehen in geliebte, bekannte oder fesselnde Augen nicht die Sucht nach reiner, unverfälschter Freiheit?
Täglich im Leben setzt man uns Grenzen. Im Kindesalter  hört man ständig nein, in der Hoffnung die scheinbare Konsequenz selbst erzöge uns zu gefestigten Charakteren mit gefestigten Gehältern. Im Jugendalter steht das große, leuchtende und geradezu verdächtig verleitende Nein auf allen Rauschmitteln, die der Samstagabend zu bieten hat. Und dann, später im Leben, in dem man scheinbar fest zu stehen scheint wandelt man unter der ständigen Beaufsichtigung dieses bekannten Neins durch dicken Schlamm, bleibt stecken und in den meisten Fällen versinkt man darin, erstickt an den ganzen Neins, den Lügen, der Zurückhaltung, dem Nichtleben.
In dem Leben, das wir selbst gestalten, selbst leben sollten, streicht man uns ganze Passagen Freiheit weg, wie Zeilen aus einem Drehbuch, man zensiert uns. Und das tut man geschickt; es wird uns nicht direkt gesagt, dies oder jenes sei verwerflich, unmoralisch oder einfach „falsch“, nein man erzieht uns so, dass der Zensurbalken in unseren Köpfen gezogen wird, von unseren eigenen Händen. Nicht nur projiziert auf andere sondern unser eigenes Handeln wird durch uns selbst ausgebremst. Wie könnte es einfacher sein?
Und so sind alle Chaträume, alle Cafés, Straßen, Gemeinschaften nur Laufbänder in der Fabrik der moralischen Vorstellungen, ein Schmierentheater für alles Schlechte dieser Welt. Wie sonst entstehen Dinge wie Stolz, Trotz und wie sie alle heißen? Im Grunde sind sie nur die einzig logische Konsequenz der eigentlichen Selbstlosigkeit. Wir schweigen, um nicht mit Worten zu verletzen. Wir tun, wir ficken und schlagen , um nicht mit Worten zu verletzen. Und man sollte sich fragen ob dies nun wirklich die korrekte Vorstellung von Moral ist.
Wir sprechen mit den Menschen die wir lieben, wir hören zu und kommentieren, wir geben Ratschläge, wir geben Hoffnung, wir heucheln Ehrlichkeit und servieren Lügen, offen und angreifbar und doch sind die Menschen blauäugig genug um alles zu schlucken was man ihnen vorsetzt. Natürlich, wie immer gibt es Ausnahmen. Doch was ist die Lösung der Gleichung Mensch x Ehrlich? Ehrlichkeit, das bedeutet Schuld. Schuld daran, Fassaden und Illusionen zu durchbrechen, Schuld daran, zu verletzen, Schuld daran, zu entzweien wo man das Kollektiv schätzt und zu verbinden was sich von Natur aus abstößt – man kommt nicht heraus aus der sich selbststrickenden Schlinge. Und wenn man dann die Wahrheit sagt, ohne einen Sack voller Schuld als Dankesprämie zu erhalten, ist man auf die lieben Blumen unserer Sprache angewiesen, durch die man sprechen muss. Die Ironie, den Sarkasmus, Gegenfragen, Euphemismen und das ganze ABC der Verschleierungen. Sind das dann auch Lügen? Ist Verschweigen denn Lügen? Sind unausgesprochene Lügen trotzdem Lügen? Das ist nicht zu beantworten, das ist wie die Frage danach ob ein Baum, der in einem Wald umfällt in dem es keiner hört, trotzdem Lärm macht.
Seien wir ml ehrlich, so richtig ehrlich: Sagen wir jemals das, was wir wirklich meinen?
Wir haben Angst es zu sagen, aus Scham, Reue oder schlechtem Gewissen, aber trauen uns nicht zu lügen, und die, die es schaffen noch aus ganzem Herzen zu lügen, können nicht mal ehrlich zu sich selbst sein. Und das wäre dann wohl die unterste Stufe, wenn man nicht mal im Dunkel des Zimmers oder im Flüstern des Alleinseins zu sich ehrlich sein kann, sich nicht entscheiden kann, nicht denken kann.
Und was ist dann, wenn wir uns aufraffen und die Wahrheit sagen, ohne Umschweife ohne Verschönerung – dann verschließt der Mensch Augen und Ohren davor, als wäre es eine grausame Szenerie, die er nicht wahrnehmen oder wahrhaben will.

Samstag, 6. November 2010

Gedicht

Du darfst

Dein rascher schritt
Schallt
In den Hallen meiner Scham.
Du bist außer Hörweite
Und die schreie
Legen ihre Hände um meinen Hals.
Meine blicke töten weder Mut noch Mann
Und doch tötet dich unser Wir.
Und ich hab dir Schmerz angetan.
Und ich wandle um deinen Kopf,
Und blicke hinein,
Und höre die klagen,
und kann doch nichts tun.
Ist denn nun Dulden des Schmerzes
Schlimmer als
Auslösen
Und ausweiden einer Gestalt mit unsterblichen Gedärmen?
Kann ich dich überhaupt noch zerreißen?
Hast du dich nicht schon selbst begraben
Und mir die Erde zum Gruße geschickt?
Kann Schmerz dir noch treu sein
Wenn du dich selbst betrügst?
Lohnt sich Egoismus
Wenn man sich selbst belügt?


Donnerstag, 4. November 2010

Verpennt in Berlin


Der freie Dienstag ist vorüber und somit das Wochenende in Berlin – ein Trip nicht nur durch eine große wunderschöne Stadt, sondern auch durch einen Abend, an dem ich mir wünschte, männlich und schwul zu sein.
Meine bessere Hälfte und ich beschlossen nach einem ereignislosen Abend, an dem sich das Vor- zum Verschlafen entwickelte, in einen Homo-Club zu gehen -  doch nicht zu einer Lesbenparty wie ich es bei ihr erwartet hätte. Wir verbrachten den Sonntagmorgen (Samstagnacht hatten wir verschlafen – diesmal wohlwissend und geplant)  in einem Club gefüllt mit ca. 200 schwulen Männern, von denen ich ungefähr 15% sofort mitgenommen hätte. So entwickelte sich dieser Abend nicht nur zu einer Art Schaufensterlauf sondern auch zum Abend der sexuellen Verwirrungen – denn sie hielten mich für ein Mitglied ihres Clubs, da meine Begleitung selbst aus der Entfernung zwischen der homophoben Menge Jugendlicher draußen vor der Tür und jedem geschminkten Besucher dieses Clubs eindeutig als Lesbe zu identifizieren ist. Obwohl ich keinen dieser Menschen kannte war der Abend herzlicher als jeder der vergangenen Nächte im Kreis guter Bekannter. Nach dem nicht sonderlich zahlungsintensivem Empfang aufgrund guter Beziehungen meiner Begleitung trat ich einer Nacht voller gutem Kleidungs-, Tanz- und Sprachstil entgegen und noch erschreckender und auch entzückender war die Erkenntnis, dass diese scheinbare Fassade nur das Abbild der Realität ist; noch nie zuvor hatte ich an einem Abend durch fremde Menschen so viel Freundlichkeit erfahren, so viel Offenheit und Zuwendung.
Dieser gelungenen Erfahrung folgte ein Tag Sightseeing alá „Kurfürstendamm ist zu viel des Guten“ und wir schlenderten, noch benommen von den vergangenen Stunden, über einen Trödelmarkt irgendwo in Berlin, dicht gefolgt von einer Karaokeerfahrung der besonderen Art – ca. 1000 Menschen stehen und sitzen stillschweigend um ein 11jähriges Mädchen aus Frankreich, welches sich mit solchem Herzblut ein Lied aus der Brust singt, dass man fast hören konnte, wie sich rundherum die Härchen in Arm- und Nackenbereich aufstellten.
Das darauf folgende Elvisdouble, dessen Bauch und nicht etwa Stimme in mein Gehirn eingebrannt wurde, kitzelte dann doch wieder ein Lächeln aus den Kiefern und der Tag endete für mich 22 Uhr in kompletter Zufriedenheit. Einen Tag habe ich ja vollkommen ausgelassen – ich verbrachte meinen Anreisetag nicht nur damit, die Nacht zu verschlafen sondern auch mit dem Kennenlernen der „Neuen“ meiner besten Freundin. Tolles Mädchen, keine Frage. Aber wenn man Emotionalität speziell in Kombination mit Romantik und dem Schmatzen eines Dreieinhalbminutenkusses so verdammt satt hat wie ich, ist es natürlich nicht gerade ratsam seine Zeit mit zwei nymphomanischen, frisch verknallten Lesben zu verbringen. Ich vermute stark, dass die Halsschmerzen am Sonntag nicht einmal Folgen der verrauchten Nacht zuvor waren sondern das simple Resultat des hundertfachen Räusperns als Reaktion auf das erneute schlabbern und schmatzen, stumpfsinnig-romantische Getuschel oder den spontanen Beginn des Vorspiels – beim Frühstück, in meiner Anwesenheit.

….will be continued…..