Der Winter integriert sich mehr und mehr in unseren Alltag. Das Nölen über die Scheißkälte lohnt kaum noch, die Tretminen im Treppenhaus bestehend aus geschmolzenem Schnee und Schlamm fließen nur allzu schnell in den Fluss der ewigen Pößnecker Routine, die dicken Jacken, kratzigen Winterstrümpfe und pseudoselbstgestrickten Mützen, Schals und Pullis von Mama schnüren das ohnehin gekränkte Kleinstadtgemüt ein, hinzu kommen diverse blinkende Bäume, Weihnachtsmänner und Ketten. Dies in Kombination mit der üblichen provokant-penetranten Pößnecker Durchschnittsjugend lässt das Herz nur aus Rage höher schlagen, und während der Wutpuls Höchstwerte erreicht, sinken Motivation und sogar die Lust auf den klebrig-bitteren Glühwein im Stadtzentrum dieser gehasstliebten Stadt.
Doch wie bei jedem anstehenden Wandel fällt mir auf, wie schnell doch alles zur Gewohnheit werden kann. Selbst das schnöde Dahinkriechen zum Wochenende durch Schneematsch und Kindergeschrei wird zur Gewohnheit. Es ist normal, zur Arbeit zu gehn aber es ist genauso normal sie zu hassen. Die Grundmotivation aller mir bekannten Menschen sind die Wochenenderlebnisse, das Leben außerhalb des Existierens. Exzessiv wie impulsiv, schnell, laut. Selbst außerhalb des stressigen Alltags hetzen wir, denn die verbleibende Zeit bis zum wöchentlichen internationalen Hasstag "Montag" vergeht schneller als eine einzige notwendiger Weise gebrachte Überstunde. Es ist interessant zu beobachten, wie das von Statten geht. Manche arbeiten (Wochenende für Wochenende!) vergessene zwischenmenschliche Konflikte auf, andere testen die unbekannten oder ignorierten Grenzen der eigenen Belastabarkeit aus, wieder andere feiern durch und sehnen sich nach Ruhe, oder man ruht sich von der Woche aus - der Körper liegt, der Kopf will tanzen. Ich für meinen Teil schätze am Wochenende die Gesellschaft sympathischer Menschen, kreativer Menschen, und aller anderen die mir Denkanstöße geben oder mir die Unlust auf solche diskussionslos verzeihen. Das mag sehr simpel klingen, doch spannender als, wie ich es nenne, "Prinzipfeiern", ist es, neue Menschen kennzulernen oder jene wieder kennen zu lernen, die man verloren glaubte. Wenn dabei die ein oder andere Party rum kommt, kein Problem. Prinzipfeiern im Übrigen betreibt der Großteil der mir Bekannten; es ist ein routinierter Wochenendzeitvertreib, feiern gehen, egal was kommt. Dieses beunruhigende Phänomen, welches meistens mit Übermüdung und Pseudooptimismus oder sogar in Verzweiflung getränkter Motivation einhergeht, entwickelt sich meistens bei Menschen mit enormen Aufmerksamkeitsdefiziten, Menschen die einfach garnichts mehr mit sich anzufangen wissen, deren gesamtes Weltbild unter der Last der "Mit-sich-selbst-Auseinandersetzung" zusammenzubrechen droht. Das bringt zwar einige interessante Erfahrungen mit sich, doch was ist denn nun besser: Gesunde Selbstwahrnehumng oder krankhafte Erfahrungssucht? Eigentlich egal, beide Optionen lassen keinen Platz für Einsamkeit, denn die Auseinandersetzung hiermit ist in beiden Fällen unausweichlich sowie unausstehlich.
Denn letztendlich kommt immer der große Moment, egal ob man aus dem Club heimkehrt oder aus der Wohnung der Denkanstößer, in dem man allein zu Hause auf der Bettkante hockt von der man einiges, im Rückblick betrachtet, hätte stoßen sollen, und denkt über sich nach.
Und selbst der Ausnahmezustand einer klaren Realitätswahrnehmung kann zur Gewohnheit werden - egal ob man ihn wahrnimmt oder vor sich herschiebt. Wenn ich dann wieder entscheide, etwas zu ändern, sehe ich aus dem Fenster - und es schneit. Immer wieder.
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