Unsere Waschmaschine steht im Keller. Das heißt, um Wäsche zu waschen muss ich die Wohnung verlassen. Die Wohnungstür und mich trennen somit 34 Stufen und ein Türschloss. Zurzeit bin ich allein hier, was wiederum bedeutet, vergäße ich den Schlüssel wäre ich sprichwörtlich am Arsch. In den letzten Tagen hat sich bei mir die Gewohnheit entwickelt, dass ich, bevor ich das Haus verlasse, vor, während und nach dem Schuhe anziehen meine Jackentaschen ertaste, um sicher zu gehen, dass der Türöffner da ist. Obwohl der Schlüssel eigentlich nur Antagonist zum Schloss ist, ist er enorm wichtig. Kein Schlüssel hieße kein Essen, frieren und nach mehr als zwei Tagen auch stinken. Oder das alles im Austausch mit meiner Oma, die zurzeit krankgeschrieben ist und deshalb extrem genervt und gelangweilt. So oder so, Oma oder Treppenhaus – der Schlüssel erspart viel Geschrei.
Wie ich also mein morgendliches Ritual der Schlüsselbetastung vorüberziehen ließ, dachte ich an das Schlüsselprinzip.
Mir fiel dabei auf, dass man für jeden Menschen ebenso einen Schlüssel benötigt, um durchzudringen, um da oben, im Kopf, dem Zentrum dümmlich-depressiver Hirngespinste, etwas zu erreichen, ein Zeichen zu setzen, etwas begreiflich zu machen. Diese Schlüssel sind leider niemals handliche Metalldinger, und den „Taschenklappertest“ kann man leider auch nicht machen. Wenn wir am Abend das Haus verlassen, wissen wir nicht, ob wir den Schlüssel für die Begleitung, die neue Bekanntschaft oder – oh – sogar für den eigenen Geist mit uns tragen.
Es gibt Schlüssel, die sich auf mehrere Menschen anwenden lassen – so besonders die Exemplare Mitleid, Mitgefühl und Verständnis. Um in den Geist hoffnungslos depressiver Menschen eintauchen und etwas hinterlassen zu können, was nicht vom nächsten Schwall selbsthassgeladener Verzweiflung weg gewaschen wird, braucht es oftmals nur eine Nachfrage, ein offenes Ohr, und -klack-, ist der Tresor typisch–menschlich–emotionalen Innenlebens geöffnet und bereit, sich restlos ausräumen zu lassen.
Immer erfolgreich ist auch der schleimverschmierte Schlüssel auf dem das Wort KOMPLIMENT prangt. Das Ego eines scheinbar arroganten, unerreichbaren Menschen braucht nur kurze aber intensive Zuwendung, um vom stolzierenden Gaul zum kleinen Schmusekätzchen zu werden, dass ja eigentlich nur mal gedrückt werden will.
Es gibt auch Schlüssel, die man aus Prinzip erst auf Türen auf dem emotionalen Tiefgang eines Menschen anwenden sollte. Die Öffner „Selbstoffenbarung“ und „psychische Entblößung“ sind gefährlich. Mal wendet man sie an wie eine Kreditkarte am Schnappschloss, manchmal merkt man zu spät, dass der Schlüssel aus Zuckerwatte an der emotionalen Feuerschutztür des Gegenübers zerbricht. Viel zu oft bekommt man die Pforten auf, wird aber sofort vollkommen hineingezogen und mit dem weltgrößten Scheinwerfer beleuchtet, während man noch das Schild an der Wand überfliegt „SELBSTACHTUNG „ich muss leider draußen bleiben““.
Und dann gibt es noch jene Menschen, die so viele Schlösser haben.....jedoch keines davon berühren lassen. Da kann man das dicke Schlüsselbund zücken und durchprobieren – liebe Freunde, es wird kein Schlüssel passen. Die wenigen, die es vielleicht doch tun, wird man euch aus der Hand schlagen. Das ist die bittere Wahrheit, manche Türen wollen, manche sollten verschlossen bleiben. Wir werden immer wieder auf Menschen treffen, die uns nicht hereinlassen, auch wenn auf dem Klingelschild fast schon unser Name steht. Die Freude, unbemerkt eine Tür geöffnet zu haben, wird uns schnell genommen. Man wird sie zuschlagen. Ja, es gibt Menschen, die uns schlichtweg nur den Blick durchs Schlüsselloch gewähren lassen. Eben diese geben uns jedoch immer einen neuen Schlüssel mit auf den Weg.
Der ist Wahnsinn!
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