Mittwoch, 20. Oktober 2010

nAMEN unserer angst

Als ich heute auf die gmx.net Seite ging um meine E-mails zu checken war ich mit einer Schlagzeile konfrontiert, von der mich nicht einmal die vorbeiflimmernde Werbung des neuen Shia Labeouf Films  ablenken konnte: „Hat Google Gott fotografiert?“ Ich war sprachlos, und bin es noch. Anstatt diese Frage überhaupt zu stellen wäre es eben so paradox die Behauptung aufzustellen, man habe Gott fotografiert und er habe Sommersprossen. Ich konnte nicht anders, als den Artikel hierzu zu lesen – ich war doch zu gespannt, welche lächerlichen Thesen rund um dieses Bild noch aufgestellt wurden waren. Nach ungefähr 30 Sekunden des halb von Gelächter und halb von purem Schock begleitenden Lesens musste ich das erste Mal wirklich laut lachen. Zitat: „Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Internet-Gemeinden auf Facebook, Twitter und Co. Gerüchte machen die Runde, dass es sich dabei um ein Foto von Gott und einem Begleiter handeln könnte. Andere vermuten, dass es nur ein Fleck auf der Linse ist."  Da wird schon eines der größten und bestverkauftesten Hirngespinste der Menschheit tatsächlich einmal als zu beweisen bezeichnet und dann ist es am Ende doch nur ein Fleck auf der Linse – welch schöne Metapher zum christlichen Glauben.
Das Bild wurde auf einer Schweizer Autobahn aufgenommen. In dem Artikel wird sogar das Wort „Verschwörungstheorie“ aufgegriffen. Als ob nicht Staat und Macht und Geld (und ja auch Bullenschweine ;) ) uns genug versuchen aufzutischen und als glaubwürdig zu verkaufen – wird jetzt plötzlich das Thema „Gott und die Welt“ wieder aufgegriffen und groß publiziert, eine Thematik aus der man sich größtenteils heraushielt? Ja jetzt könnte man lachen, von wegen groß herausgehalten. Es wird in Deutschland nicht erwartet gläubig zu sein, ich arbeite in einem kirchlichen Kindergarten und man würde lachen wenn man wüsste ein wie geringer Prozentsatz der Kinder zu Hause tatsächlich Tischgebete praktiziert oder – um Gottes Willen – Gott als realistische Option für die Schaffung der Welt betrachtet. Tja, selbst auf Kinder wirken 5 Meter hohe Echsen eben realistischer als alter Mann mit Rauschebart – der Weihnachtsmann ist da einfach beliebter.
Manche müssen Kirchensteuer zahlen ohne gefragt zu werden ob sie gläubig sind – ok, das ist aber nur der Abschnitt des Themas Kirche der unter „finanzieller Unterstützung“ (*räusper*) läuft. Es wird einfach mal verallgemeinert, eine uniformierte Erwartung an den Glauben. Ist es nur eine Strategie um das Kollektivitätsgefühl wiederherzustellen, dass zwischen geographischer Wiedervereinigung und mentaler Klassentrennung verloren ging? Soll eine solche fiktive Mahlzeit aus der Gerüchteküche der Medien zum Nachdenken anregen oder sollen wir ermahnt werden, endlich an etwas zu glauben?
Doch woran soll man gegenwärtig bitte glauben? Gott? Nein die Frage war ernst gemeint. Das soll keineswegs diskriminierend gegenüber gläubigen Menschen sein, nein. Doch bei Angst vor Krankheit glaubt man an Medikamente bzw. die Krankenversicherung, bei Streit an Telefon und SMS, bei Stress an die Psychotherapie und bei Einsamkeit an Schnulzfilme, Vibratoren und Alkohol.
Doch was bitte soll die rettende Boje in unseren Zeiten sein, in den Zeiten voller Angst vor Bildzeitung, Merkel, Krieg und Geld?

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