Montag, 11. Oktober 2010

Phantomschmerz

…und schon wieder einen Tag krank gemacht. Die Erkältung kam ganz plötzlich. Sonntagabend setzte der Schnupfen ein und heut morgen hatte ich das Gefühl, mein Rachen hätte einen neuen Mietvertrag unterschrieben und wollte aus mir herausplatzen. Der Tag war gar nicht so schlecht, denn ungefähr eine Stunde nach dem Mittagessen beruhigte sich mein Körper und ließ mir ein paar wenige Stunden um den Tag sinnvoll zu nutzen. Ich tat das, was beim Herumschauen am sinnvollsten erschien: Aufräumen. Zugegeben ist dies nicht meine Lieblingsbeschäftigung, doch ab und an ist es nötig – allein aus Angst, man bekomme doch unverhofft Besuch und müsse sich dann einige beschämende Rechtfertigungsversuche herausquälen. Also begann ich, nicht wie üblich den Dreck von einer Ecke in die andere zu schleppen, sondern ihn wirklich auszusortieren und einzuräumen. Dabei erinnerte ich mich an die einzige Freude beim Aussortieren des Krams der sich seit unserem Einzug im Jahre 2005 angehäuft hatte – das Wiederfinden verlorenen geglaubter oder bereits vergessener Dinge. Beim Aufräumen fiel mir auf, dass man nicht nur Erinnerungsstücke aussortiert und wegschließt, nein, parallel tut man dies mit der dazugehörigen Erinnerungen. Man findet einen Brief, ein Foto oder etwas Ähnliches, sieht es kurz an, besinnt sich auf die mehr oder (des Öfteren) weniger schöne Zeit und verfrachtet es in den Müll, in meinem Fall in die 30 Liter Kiste, die bereits einen neuen Platz im Keller hat.
So fand ich viele Briefe einer ehemaligen Freundin, die ich fast nur in Bild und Schrift kannte, da ich sie nur 3mal traf. Ich las die Neuigkeiten über ihren „neuen Freund aus der 10.“ und musste schmunzeln. Dann fand sich das Bild einer Exliebe, welches tatsächlich im Müll landete. Zum Einen weil die Erinnerung nicht die Beste war, zum Zweiten weil ich eh schon genug Zettelkram habe und irgendwo müssen die Abstriche ja beginnen und zum Dritten da dieses Bild eh nicht das Schönste von ihm war und bereits zusammengeknüllt hinten im Schrank lag.
Ich bemerkte beim Aussortieren eine ziemliche Erleichterung, obwohl dies alles bereits genutzte, bereits überstandene und zum größten Teil verarbeitete Erinnerungen waren – doch das erneute „ins-Bewusstsein-rufen-und-wieder-abhaken“ schien mir doch eine gewisse Restlast von den Schultern zu nehmen.
Alle Menschen die uns täglich begegnen, die wir kennen, lieben und hassen, tragen unsichtbare Lasten mit sich, egal ob es Erinnerungen sind oder gegenwärtige Zustände. Diese emotionalen Rückenschmerzen können verschieden Gründe haben, sei es die Belastung durch die momentane Beziehung und den Versuch diese aufrechtzuerhalten, sei es das langsame Keimen unbekannter Gefühle oder einfach nur der alltägliche Stress der auch noch Säcke voller Frustration hinter sich zieht. Manche dieser Lasten lassen sich abwerfen, andere haften ein Leben lang an uns. Manche schmerzen die ganze Zeit, manche machen sich nur in unpassenden Momenten bemerkbar und manche laufen auch unmerklich neben uns und verhöhnen uns nur ab und zu. Doch wie sind jene Lasten zu handhaben, die wir als solche wahrnehmen, die aber eigentlich nur kurzzeitige Wegbegleiter sind, ohne Bedeutung, ohne Konsequenz – was ist mit den Erinnerungen die nur einen Phantomschmerz hervorrufen? Gibt es wirklich Dinge, die schon längst von uns abfielen, an denen wir aber aus verschiedenen Gründen nach wie vor festhalten? Oder sind alle Geschehnisse, ist alles was uns beschäftigt wirklich wichtig, was hieße, dass möglicherweise alle Dinge etwas zu bedeuten haben. Für jene von uns, die an das Schicksal glauben ist dies eine Selbstverständlichkeit, doch die Skeptiker, wie ich es bin, hoffen stets darauf dass alle Schmerzen nur Restschmerzen bereits verlorener Erinnerungen sind und auch dieser vom Wind neuer Tage weggetragen wird….

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